Nov 202011
 

Was ist „Viewtiful“? Kurz: Wir schreiben ab sofort auch über Comics und Graphic Novels. Ausführlichere Erklärungen gibt es HIER!

Heute stellen wir Euch einen Manga-Klassiker vor, der gerade für Videospiel-Begeisterte und japanophile Leser von Interesse sein dürfte. Viele dürften ihn wahrscheinlich eh kennen, doch vielleicht können wir einigen von Euch trotzdem etwas Neues unterjubeln. Es handelt sich auch nicht um eine handelsübliche Rezension. Weitschweifig möchte ich mich ebenso mit der Thematik der Hikikimoris auseinandersetzen.

Welcome to the N.H.K. erschien zuerst als Roman. Neben einer positiv aufgenommenen Adaption als acht Bände umfassender Manga gab es auch eine erfolgreiche, mehrteilige Anime-Serie.

Allgemeine Hintergründe

Im Mittelpunkt der Serie steht der 22-jährige Satô, der ein von Einsamkeit, Isolation und Ängsten geprägtes Schattendasein fristet. Dem Manga kommt eine hohe Revelanz zu, weil er mit sehr kritischem Verve die gesellschaftlichen Ausnahmezustände in Japan beleuchtet und uns Einblick gewährt in eine leider nicht gering zu bemessende „Minderheit“. Der Protagonist gehört zu den so genannten Hikikimoris. Dabei handelt es sich hauptsächlich um junge, männliche Erwachsene, die sich von der Gesellschaft abschotten und sich in ihr Zimmer verkriechen (oft bei den Eltern). Sie nehmen keinen Anteil am Ausbildungs- und Berufsleben, verbarrikadieren sich in ihrer die Außenwelt ausblendenden Schutzzone, meiden menschliche Kontakte und vergnügen sich mit in Einsamkeit ablaufenden Tätigkeiten. Dieses Phänomen ist natürlich nicht nur in Japan bekannt. Wir in Europa würden vielleicht unspezifisch von einer sozialen Phobie sprechen. In Asien ist auch der Begriff NEET (Not in Education, Employment or Training) gängig.

Dennoch bestehen graduelle Unterschiede. Und der Begriff Hikikimori sollte auch für Japan reserviert bleiben, weil er ein „landesspezifisches Krankheitsbild“ bleibt, das aufgrund der gesellschaftlichen und kulturellen Charakteristik seine nationale Einzigartigkeit bewahrt. Deshalb wollen wir auch nur unseren Blick nach Japan richten. Es darf aber nicht vergessen werden, dass diese Problematik mit bestimmten Abstrichen auch in anderen Ländern geläufig ist.

Wer sich mit der Thematik näher auseinandersetzen und sich tiefergehend einlesen möchte, dem sei das Buch Shutting Out The Sun: How Japan Created Its Own Lost Generation von Michael Zielensiger ans Herz gelegt. Dieser umkreist diese Sorte von Menschen mit unvoreingenommener Sensibilität und Verständnis bekundender Empathie. Besonders informativ ist es, dass er einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen spannt und sowohl die Kultur als auch die Politik des Landes miteinbezieht. So entsteht sozusagen ein vor Bergen der Kurzsichtigkeit nicht Halt machender Panoramablick, der kontexutell breit gefächert ist. Das Problem der Hikikimoris wird mit der kulturellen, wirtschaftlichen, menschlichen und politischen Entwicklung in Japan in Zusammenhang gebracht.

Demnach sind diese Menschen nach Meinung des Autors ein Sinnbild für die kriselnde, zukunftsunsichere Konstitution des alternden Inselstaates. Er lässt diese Menschen ausreichend zu Wort kommen, hört sich ihre Erzählungen an und sympathisiert an vielen Stellen sogar mit ihnen. Demnach sind es keine arbeitsscheuen Gesellschaftsverweigerer, die sich aus Faulheit und Bequemlichkeit zurückziehen. Es sind vielmehr intelligente Außenseiter, die im Getriebe der um Konformität, Hierarchie, Selbstverleugnung, Harmonie und Hörigkeit bemühten japanischen Gesellschaft nicht zurecht kommen. Sie ziehen sich lieber zurück. Aus Angst. Scheu. Unzufriedenheit. Manche wollen sich auch den Konkurrenzkampf nicht antun. Natürlich dürfte das nicht auf alle Hikikimoris zutreffen. Doch der Autor zeichnet u.a. ein Bild von Menschen, die sich gegen den Konformitätsdruck stemmen und von der Gesellschaft sanktioniert werden. Sie vereinsamen, verlieren den Halt und treiben sich unfreiwillig in die atemnehmende Isolation. Die Fallhöhe ist in Japan offensichtlich sehr hoch. Es reicht auch schon, in einer universitären Aufnahmeprüfung zu scheitern. Sensible Menschen können so schnell in einen tragischen Strudel geraten und als Hikkimori enden.

Bild aus dem N.H.K-Anime.

Welcome to the N.H.K!

Der leich paranoid veranlagte Satô vermutet einen weitverzweigten Komplott der NHK (japanische Rundfunkanstalt), die mit ihrem ausgefeilten und kurzweiligen Unterhaltungsprogramm bewusst Otakus züchtet und hartgesottene Hikikimoris aus ihnen macht – und nebenbei GEZ-ähnlich Gebühren eintreibt (besonders witzig geschildert von Haruki Murakami in seinem neuesten 1500-Seiten-Epos 1Q84). Satô ist nach einer vierjährigen „freiwilligen“ Haft in seinem Zimmer in Tokyo einer von ihnen. Er ist völlig labil, neigt zu Wahnvorstellungen und Psychosen, meidet den Kontakt mit anderen Menschen und ist völlig am Ende. Der Manga porträtiert mit überspitzten Bildern und emotionalen Ausbrüchen einen verzweifelten Menschen. Im Grunde genommen ist Welcome to the N.H.K. sowohl ein Drama als auch eine Komödie. Es geht flott voran, die Handlung ist kurzweilig und oft sehr humorvoll gehalten. Doch nie vergisst es der Autor, die menschlichen Einzelschicksale in ihrer Drastik effekt- und gefühlvoll zu umschreiben.

Die Zeichnungen verdeutlichen die Dramatik und tragischen Handlungsverläufe mit einer unheimlichen Dynamik, Schnelligkeit. Die Mimik der Charaktere ist oft derart verzerrt und Grimassen ziehend, dass die persönlichen, von Verzweiflung zerklüfteten Gefühlslandschaften darin sehr gut zum Ausdruck kommen. Natürlich ist es nur ein Manga, der mit seinen typischen stilisitischen Mitteln hantiert. Trotzdem reflektiert man parallel zum Lesen immer die Gesamtproblematik. Die Figuren sind trotz ihren exzentrischen Persönlichkeitszügen und verrückten, in Einsamkeit ausgebildeten Extravaganzen und Idiosynkrasien überraschend glaubwürdig. So glaubwürdig, dass man Krankheitssymptome ableiten kann, die z.B. auf Borderline hindeuten könnten. Die Anpassungsschwierigkeiten, das Hinübergleiten in das Erwachsenenleben der Charaktere wird gut in Szene gesetzt.

Selten wurde Leiden mimisch so abgründig visualisiert.

Satô trifft auf Menschen, die ebenso leidensgeplagt sind wie er. Er versucht sich an sie zu lehnen. Doch auch sie bieten ihm keine Stütze, da diese selbst brüchig und fragil ist. Das ganze Personal des Mangas deutet auf eine krankhafte Gesellschaft hin, die abseits der von Erfolg asphaltierten Karrierewege junge Menschen abseits lässt, ihnen nicht hilft und sie mit ihren Problemen alleine lässt. Satô ist der Überzeugung, dass Japan die Hikikimoris zwecks Selbstaffirmation braucht. Es bedarf einer erfolglosen Randgruppe, an der sich die anderen Menschen aufrichten können. Das Schlimme ist, dass seine Wahnvorstellungen erstaunlich viele Krümel Wahrheit beinhalten. Auch die hohe Suizidrate in Japan bleibt nicht unerwähnt. Beispielsweise gerät Satô in eine Selbstmordgruppe.

Trotz des humorigen Grundanstrichs bleibt einem manchmal die Spucke weg. Es ist verstörend in solche menschlichen Abgründe zu blicken. Die Psyche der jungen Menschen ist dermaßen aufgerüttelt, fächert sich in Bruchteilen von Millisekunden in ein Kaleidoskop von Gefühlszuständen auf. Sie haben ein selbstverleugnendes, selbstdestruktives Selbstbild von sich, das einer zu Staub zerbröselten Statue gleicht. Sie sind feinfühlig, sensibel und ihre Unsicherheit schaukelt sich zu krassen Extremzuständen auf. Im Grunde genommen suchen die Figuren nur Halt in einer kaputten Gesellschaft, die sicherlich nicht nur in Japan solche pathologischen Auswüchse beherbergt.

Fazit

Ihr solltet Welcome to the N.H.K. nicht in problematischen Lebenskrisen lesen. Es kann ziemlich schlauchen, diesen Manga zu „konsumieren“. Das Leben von Hikikimoris wird manga-typisch überstilisiert erzählt, entbehrt aber sicherlich nicht der Wahrheit. Und das Schlimme: Man ist manchmal geneigt, sich mit Satô und seinen anderen „kaputten“ Freunden partiell (!) zu identifizieren. Es kann in unserer Gesellschaft, natürlich nicht nur in Japan, schnell passieren, den Anschluss zu verpassen. Plötzlich ist man allein. Das kann schneller gehen als man denkt. Und wir leben in einer unterhaltungsfixierten, medial bestens ausgepolsterten Zeit, die es uns oft nicht spüren lässt, allein zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass viele mal Phasen haben, während denen sie sich mal nicht so gesellig zeigen und sich gerne mal lieber im Zimmer mit Büchern, Filmen und Videospielen vergnügen. Das ist normal. Jeder hat solche Tage. Manchmal vielleicht auch Wochen. Aber wenn es ausartet, kann das fatale Folgen haben.

Welcome to the N.H.K. ist zugleich auch ein Buch für eine Generation. Viele junge Menschen in Industriestaaten leben jenseits ihrer Zwanzig noch bei den Eltern. Das eigene Kinderzimmer kann dann schnell zur beruflichen und sozialen Sackgasse werden. Und in vielen von uns steckt ein Otaku, ein Nerd, der sich mit Comics und Videospielen beschäftigt. Die Schwelle zum Hikikimori ist wahrscheinlich dünner als man gemeinhin denkt. Außerdem ist es nicht selten, dass junge Erwachsene Schwierigkeiten haben, wirklich erwachsen zu werden. Der Manga malt ein drastisches Bild dieser diffizilen, chaotischen Adoleszenz-Phase.

Zugleich ist der Manga eine kritische Gesellschaftssezierung: Es skizziert erstaunlich akkurat die Gefahren einer teils ignoranten Gesellschaft. Natürlich ist jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. Doch alle Menschen sind verletzbar.