Nov 272011
 

Was ist „Viewtiful“? Kurz: Wir schreiben ab sofort auch über Comics und Graphic Novels. Ausführlichere Erklärungen gibt es HIER!

Die Wellen toben und klatschen gegen schroffe, zerklüftete Felsen. Dann, wenn das Meer in seinem ausgelassenen Wüten kurz zur Ruhe kommt, hören wir dann und wann einen sachten, aber doch vernehmbaren Knall. Ohne Frage rührt dieser von eben jenem Leuchtturm her, welcher inmitten des weiten, landfernen Meeres auf der i-Tüpfelchen-kleinen Felseninsel thront. Das Gebäude erzählt noch von einer Zeit, als sich die Schiffahrt noch nicht das Leben mit modernen Navigationshilfen erleichtern konnte. Der Leuchtturm, längst seiner Funktionalität beraubt, hat gerade deshalb sein Überleben als bedeutungsschwangere Symbolfigur bewahrt.

Doch zurück zu unserem ganz speziellen Leuchtturm auf jener Felseninsel. Dieser ist der wüste Schauplatz des Graphic Novels Ganz allein von Christophe Caboute, den wir euch heute gern in unserer Viewtiful-Reihe vorstellen möchten.

Das Buch führt fast schon kontemplativ und zugleich filmisch in diese wortkarge, dafür bildberedte Geschichte ein. Wir sehen das wellenschlagende Meerestosen, eine majestätisch sich im Wind wiegende Möwe, die den einsam und allein dastehenden Leuchtturm umkreist und sich schließlich zu seinen in Rudeln vermengenden Artgenossen gesellt. Der Wellenschlag, der heulende, pfeifende Wind. All diese rauen Geräusche vermeinen wir zu hören. Als ob wir selbst auf einem dieser Felsen ständen und das Meer sehnsuchtsvoll nach einer Insel absuchen. Nicht grundlos fängt das Buch auf der ersten Seite mit einer Definition des wunderbaren Wortes „Imagination“ an: 1. Vergegenwärtigung, Einbildung 2. Bildhafte Fantasie, Einbildungskraft.

Das Werk ermöglicht uns kinderleicht, all das zu imaginieren, was auf den Buchseiten gedruckt ist. Die ersten nur aus Bildern bestehenden Seiten lassen uns das salzige Meer riechen, das Möwengekreisch hören, während uns der fauchende Wind die Haare zersaust. Es ist ein toller Aufakt in eine sich mit wenigen Worten begnügende Geschichte.

Quasimodo allein im Leuchtturm

Doch lassen wir die Handlung schnell Revue passieren: Regelmäßig macht ein Kapitän an besagtem Leuchtturm halt, um dort am Steg in Kisten verpackte Lebensmittel abzuladen. Diese sind für den alleinigen Bewohner des einst Seefahrern Orientierung gebenden Turmes bestimmt, der dort seit seiner Geburt sein ärmliches, karges Dasein fristet. Niemand hat ihn je gesehen. Von seinen Eltern wurde er in die Obhut des Leuchtturms gegeben. Seither lebt er dort. Sein Äußeres ist deformiert, unförmig und einem monströsen Etwas ähnlich.

Er vertreibt sich die Zeit mit seiner Phantasie, die sich Theorien über das Leben außerhalb seines Turms zusammenspinnt. Ein vergilbtes, zerfetztes Wörterbuch lässt er als Zeitvertreib auf seinen Schreibtisch knallen (selbst der unruhige Wellengang kann dieses Klatschen des Buches nicht ersticken) und pickt sich wahllos Worte heraus, die ihm Anlass geben, über die Welt außerhalb seines Felsenrefugiums nachzudenken. Sein Weltbild speist sich aus seinem Imaginationsvermögen, das trotz seinem Eingesperrtsein alles andere als verknöchert ist. Das Wörterbuch ist für ihn das Tor zur Welt. Sein persönliches, papiernes Schiff, das ihn über das unüberwindbare Meer zur Zivilisation trägt.

Als er z.B. das Wort Pilz herauspickt und die Definition liest („any of a group of unicellular, multicellular, or syncytial spore-producing organisms feeding on organic matter“), stellt er sich eine Gruppe von Menschen vor, aus deren Köpfen und Visagen pilzähnliche Gebilde sprießen. In seinem Kopf ensteht auf der Basis jener kurzen, viel im Dunkeln lassenden Worterklärungen ein ganz eigenes, phantastisches (Kopf)Reich, das mit der Realität nur unvollständig übereinstimmt bzw. sie um Phantasmen bereichert. Das ist seine Hauptnahrung: Imagination.

Doch sein Eremiten-Dasein ändert sich als bei dem Proviant bringenden Kapitän ein junger, gesprächsfauler Mann anheuert. Als er von dem Einsiedler im Leuchtturm erfährt, und die Erklärungen seines Chefs nicht einfach so hinnimmt, hinterlässt er einsilbige Briefe auf den Paketen, um mehr über das Leben des Sonderlings zu erfahren. Jetzt ist nicht mehr das Wörterbuch sein Anker, der ihn noch mit der Welt verbindet, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wird ihn die Welt abschrecken und ihn dazu veranlassen, weiter sein Leben in Isolation zu verbringen? Oder wird er, angestachelt von Neugierde, sein altes Leben hintan stellen und den Kontakt zu anderen Menschen herstellen? Diese Frage macht den Reiz des Buches aus.

Fazit

In diesem Buch wird nicht viel gesprochen. Im Reich des Einsiedlers spricht nur das Wörterbuch. Doch die imaginative Wucht der Bilder erschafft eine glaubwürdige, vom Wellenklatschen übertönende, aus wenigen menschlichen Kontakten ausstaffierte Welt. Immer wieder nimmt sich der Zeichner ausreichend Zeit, diese Welt mit Schwarz-Weiß Kontrasten detailliert und poetisch in Szene zu setzten. Es ist ein aus wenigen Motiven bestehendes Reich. Die in Panels aufgegliederten Bilder führen zu einem wunderbaren „4D“-Kopfkino. Während des Lesens und Schauens musste ich des Öfteren über die Brillanz des Autoren staunen, der diese Geschichte mit Raffinesse, Intelligenz und an manchen Stellen, welche mit assoziativen Gedankenspielen kopfkratzend hantieren, gar mit Genialität erzählt. Vor allem sind seine Bilder enorm aussagekräftig. Sie versteifen sich stellenweise auf Details. Geben Objekte in mehreren Winkeln, Lichtverhältnissen und Schattierungen wider. Ohne dabei in repetetive Wiederholungsschleifen zu geraten, haucht er diesen so ein Eigenleben ein und erreicht trotz einer klassischen Schwarz-Weiß-Optik ein abstraktes Maß an Plastizität.

Besonders in Erinnerung bleibt mir der meisterhafte, stimmige Anfang des Graphic Novels. Eine Möwe überfliegt das in Empörung versetzte Meer und setzt uns zugleich auf der Spitze des Leuchtturms ab. Erst recht spät macht der Leser Bekanntschaft mit jenem Einsiedler. Zuvor vernehmen wir seine Geschichte aus dem Mund des kauzigen, sympathischen Kapitäns. Das Tolle: So hat der Leser ausreichend Zeit, sich die Gestalt und das geheimnisvolle Leben des Mannes auszumalen. Der gebannt ihm lauschende junge Matrose, in dessen Rolle wir als Leser automatisch zu schlüpfen scheinen, sorgt dann schließlich auch dafür, dass das Schicksal des Leuchtturm-Wärters eine Wendung nimmt. Alles in allem ein sehr bewegender Graphic Novel, dem ich nur jedem wärmstens empfehlen kann.

Die Qualität des Buches liegt im Detail. Es protzt nicht mit einer lärmenden, ereignisreichen Geschichte. Diese ist eigentlich schnell erzählt. Sie liegt in der Subtilität, die in den nicht viele Sprünge machenden Bildern ruht. Die Zeichnungen offenbaren mehr als sie zugeben wollen – und geben manchmal sogar massive Rätsel auf, die euch nach dem Lesen noch verfolgen. Was ist Realität und was noch Imagination? Wie weit kann Selbsttäuschung, eine verzerrte Wahrnehmung von sich selbst gedeihen? Doch das sind Meta-Fragen, die den Kern der Geschichte nur verzieren. Alles in allem ist es eine berührende Geschichte über einen einsamen, scheuen Menschen, der vor einer Entscheidung steht, die sein Leben grundlegend ändert.