Dez 032011
 

Was ist „Viewtiful“? Kurz: Wir schreiben ab sofort auch über Comics und Graphic Novels. Ausführlichere Erklärungen gibt es HIER!

Graphic Novels pflegen den Anspruch, „erwachsengerechte“ Inhalte zu transportieren. Ohne Superhelden-Monstranzen, ohne die binären „Ich rette die Welt“-Gute-Nacht-Geschichten. Erwachsene Menschen sind vom Alltag überflutet. Für sie verliert der Reiz des Phantasmas vielleicht deswegen an Reiz. Sie wolle den Bodenkontakt zum Leben bewahren. Und das Wahre daran ist der viel besungene Umstand, dass das Leben die rührendsten, interessantesten und spannendsten Geschichten erzählt. Ich möchte den Wahrheitsgehalt dieser Aussage nicht abmessen. Doch gerade im Graphic Novel-Bereich zählen autobiographisch angehauchte Werke zu den beliebtesten ihrer Art.

Blankets von Craig Thompson, Jahrgang 1975, vom Carlsen Verlag auch als „illustrierter Roman“ betitelt, ist Graphiv Novel-erfahrenen Lesern sowieso ein Begriff. Für Neulinge in diesem Feld ist es eine Pflichtlektüre. Weil es medienübergreifend einfach eine der persönlichsten und schönsten Autobiographien ist. Und der Graphic Novel eignet sich dafür hervorragend. Vielleicht weil Bilder der Vergangenheit eines Menschen anders Nachdruck verleihen. Jedenfalls können Erinnerungen anders wiedergegeben, visuell aufgefrischt werden. Craig Thompson ist ein Meisterwerk gelungen! Schon zu Genüge wurde darüber geschrieben. Deswegen darf es in unserer noch jungen Viewtiful-Reihe nicht fehlen.

Blankets hat sich für mich persönlich einen Logenplatz in meinem Herzen auf Lebzeit reserviert. Ich habe es während meines Auslandssemesters in Frankreich entdeckt. Im November, als die Stadt von einer heimeligen Schneedecke überzogen gewesen ist, bin ich durch die Gassen gestapft, während das Knirschen des weißen Goldes wohlige Kindheitserinnerungen wachrief. Schnee wohin das Auge reichte. Idealerweise stellt der erkaltete, frostüberzogene Puderzucker ein durchgehendes Motiv in Blankets dar. Craig erzählt seine Kindheit und Jugend, die er in einer US-amerikanischen Provinz verbrachte, die von der weißen Pracht scheinbar ganzjährig in Beschlag genommen wurde. Das Buch stellt die Majestät und erhabene Schönheit eines immerwährenden weißen Winters dar. Ständig werden die Tritte gedämpft von einer dichten, abfedernden Decke an kristallenen Flocken.

Die Geschichte eines Bruderpaares

Zu aller erst ist Blankets eine romantische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich in Bedrängnis gefunden haben. Gerade für Craig ist die Begegnung mit Raina eine Lebenswende und ein wichtiger Anschub für seine persönliche Entwicklung als Jugendlicher bzw. werdender Erwachsener. Seine Kindheit erzählt er als Quasi-Gefängnisaufenthalt in einer fundamental-christlichen Familie. Er fühlt sich eingezwängt zwischen den moralischen und sittenstrengen Regularien einer erzkonservativen Gemeinde. Tiefe Ängste ziehen Furchen durch seine Kindheitserlebnisse. Die Schule ein Graus. Die Klassengemeinschaft ein Verbund aus zähnefletschenden Löwenmäulern. Neben der Liebesgeschichte wird aber auch sehr die Beziehung zu seinem drei Jahre jüngeren Bruder erzählt. Reumütig berichtet er von Momenten, als er seinem kleinen Bruder nicht die Nähe gewährte, nach der dieser sich als Schutzsuchender gesehnt hatte. Genauso warm spricht er aber auch von den geteilten, kostbaren Erlebnissen, die die beiden zusammenschweißten.

Es ist das muntere, unberechenbare Wechselspiel aus Annäherung und gewollter Distanz, die die Verbindung zwischen zwei Geschwistern auszeichnet und zugleich so schön und schwierig macht. Vielleicht muss man selbst einen Bruder haben, um diese in dem Buch angerissene Tiefe zu erfassen. Da ich selbst einen „größeren Bruder“ habe, konnte ich mich mit Craigs jüngerem Bruder identifizieren, der trotz seines nur um drei Jahre jüngeren Alters um die Anerkennung und Nähe des Größeren und Erfahreneren buhlte. Craig Thompsons Kindheit ist deshalb zugleich eine gelungene, berührende Geschichte über die Beziehung zu seinem Bruder. Wie sie sich das Leben erleichterten und zusammen lebensbejahende Phantasien ausgelebt haben. Gerade solche Momente in diesem Graphic Novel versprühen viel Charme und Liebenswürdigkeit. Die Erlebnisse der Geschwister im Kindheitsalter zählen zu den witzigsten und sympathischsten Stellen des ganzen Buches.

Der ätherische Duft einer großen Liebe

Denn als Teenager, der zurückhaltend, introvertiert und ängstlich seinen Weg inmitten einer ihm scheinbar feindlich gesinnten und ihm mit unverhohlenem Unverständnis gegenübertrenden Gesellschaft sucht, findet er unerwartet seine große Jugendliebe: Raina. Die Annäherung zwischen beiden wird wunderbar feinfühlig, unaufdringlich visualisiert. Die schüchternen Blicke, die sie sich zuwerfen. Die aus der Mimik starrende Unsicherheit. Dort triumphieren dann die Bilder über die Worte. Denn das macht den Graphic Novel bzw. den Comic zu einem Ereignis: Wenn der Zeichner sein Talent ausspielt und in die Bilder viel Gefühl hineinlegt, dann sind erklärende Worte völlig fehl am Platz bzw. wirken gefühlsdämpfend.

Endlich findet Craig ein Mädchen, das seine Feinfühligkeit und Zurückhaltung schätzt und für ihn einen Rettungsanker darstellt, in dieser phantasielosen, verhärteten Welt, die aus Menschen zu stehen bescheint, deren Amygdala mit Hornhaut überzogen ist. Mit wunderbaren, zärtlichen Bilden erzählt der Autor und Zeichner in Blankets eine unter die Haut gehende Liebesgeschichte. Der Zeichenstil fängt die unter der Hülle polternden, und selten zum Ausbruch kommenden Gefühle einmalig ein. Wenn mir ein Adjektiv für die Zeichnungen einfallen müsste, dann würde ich am ehesten „sinnlich“ wählen. Es sind sehr sinnliche Bilder. Vor allem wenn die Nähe zu seinem Bruder und seiner Raina kleine Gipfelpunkte der Zuneigung und gegenseitigen Zutraulichkeit erreichen.

Blankets ist eine bewegende Geschichte über Menschen, die sich im dichten, unaufhörlichen Scheetreiben zufällig gefunden und lieben gelernt haben. Es ist aber eine dosiert erzählte Liebesgeschichte. Keine, die sich mit effektheischenden Romantik-Szenen überlädt. Es ist eine extrem zurückhaltende, sinnliche, ohne Pomp dahinfließende Liebe, die sich am Ende komischerweise doch nie auslebt, weil sie stets den Beiklang der Fragilität und Brüchigkeit mit sich schleppt. Letztlich treffen zwei flüchtige Geister aufeinander, die sich im richtigen Moment ihres Lebens gefunden haben. Vor allem Craig scheint davon zu profitieren. Weil Raina ihm zeigt, wie er seine überbordenden Gefühle ausleben kann. Wie er seinen Überzeugungen den Weg in die Wirklichkeit bahnt. Und er findet einen emotionalen Halt in einer schwierigen Adoleszenz-Phase.

Fazit

Ich will nicht mehr unnötige Wörter verbrauchen. Doch Blankets ist für mich DER Graphic Novel schlechthin. Vielleicht liegt es auch daran, dass mich das Buch genau zur richtigen Zeit erwischte. Damals, als der Schnee eine bezaubernde Stadt im Griff hatte. Damals, als ich als älterer Craig selbst Anschluss in einer Fremde suchte und wie er überraschenderweise mit Bekanntschaften beglückt wurde, die mein Leben im positiven Sinne durchschüttelten. Doch auch ohne jene persönlichen Bezugspunkte handelt es sich bei diesem Buch um eine virtuose Meisterleistung des autobiographischen Erzählens. Mit so viel Wärme wurde das Leben für mich seltener eingefangen. Empfehlenswert! Gerade zur Winterzeit! :)