Dez 182011
 

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An den Manga Ki-itchi !! von Arai Hideki bin ich bar jeden Vorwissens herangegangen. Als ich auf der ersten Seite erfuhr, dass der Held dieser Geschichte ein dreijähriges Kind sei, erwartete ich erst eine Art Superhelden-Geschichte mit einem mit geistigen und körperlichen Superkräften ausgestattetes Wunder-Wonneproppen. Stattdessen entfaltete sich zu meiner Überraschung eine sehr ernste und gesellschaftliche Themen aufgreifende Geschichte.

Leider scheint es den Manga nicht auf Deutsch zu geben. Bei Amazon sind lediglich die im Delcourt-Verlag herausgegebenen französischen Ausgaben vorrätig. Anscheinend gibt es auch englischsprachige Übersetzungen. Sehr schade. Sollte doch auch das deutsche Publikum von diesem Manga in Kenntnis gesetzt werden. Meine Eindrücke basieren auf den ersten beiden Büchern der ingesamt neun Bände umfassenden Reihe.

Ki-itchi, der Name des Kindes, ist wie schon geschrieben drei Jahre alt. Er unterscheidet sich von anderen Kindern durch seine Schweigsamkeit, seine in sich gekehrte Verschlossenheit und seine die Umwelt aufschreckende Unberechenbarkeit. Das kleine Kind gleicht einem Meer, das sich von einer Sekunde auf die andere jäh durch einen wild aufbrausenden Sturm zum Ungetüm verwandelt. Ki-itchi fällt aus dem Rahmen des „Normalen“ und stellt die Gesellschaft mit seinen standardisierten, von einer Normalität ausgehenden Erziehungsmethoden auf die Probe. Die Erzieherinnen sind überfordert, fühlen sich an die Grenzen ihres Leistungsvermögens versetzt.

Das Kind ist das reinste explosive Pulverfass, reißt stets aus und ist anderen Altersgenossen gegenüber ein sonderbarer, introvertierter Außenseiter. Das Distinktionsvermögen zwischen Gut und Böse, das andere Kinder scheinbar mühelos erlernen, gehört nicht zu seinen Stärken. Er ist ein unberechenbarer Tornado, der durch seine Unbändigkeit und immer wieder aufblitzende Hyperaktivität ständig Ärger und Konflikte heraufbeschwört. Der Manga porträtiert diesen Jungen sehr glaubwürdig. Seine Miene ist trotzig, ja oft mit einem vorgelagerten Kinn versteinert, lässt keine Gefühle erkennen. Das Alleinsein seiner Person, trotz oder gerade weil er inmitten einer ihm mit Verständnislosigkeit begegnenden, sich zahlreich um ihn bemühenden Gesellschaft ist, wird von den Zeichnungen sehr gut eingefangen. Wir können nicht erahnen, was in dem Kopf des kleinen Jungen vorgeht. Er gibt Rätsel auf.

Psychologisierender Manga

Schließlich stehen wir genauso vor einem großen Rätsel wie die Kindergärtnerinnen, die langsam aber sicher nicht mehr wissen, wie sie dieses Kind bändigen oder zur Raison bringen sollen. Ki-itchis Hang zu Aggressivität entlädt sich immer wieder in scheinbar grundlos angezettelten Schlägereien, die völlig unvermittelt ohne jegliche Vorwahnung Chaos stiften. Als Ki-itchi beispielsweise mit seinen Eltern auf ein anderes Ehepaar samt Kind trifft, und diese erklären, ihr Junge sei schlimm erkältet, holt Ki-itchi auf der nächsten Seite, in einem großen Panel in Szene gesetzt, plötzlich mit wutverzerrter, ärgerlicher Miene zum Schlag aus. Seine in die Richtung seines Gegenübers katapultierte Faust ist das Symbol für seine hilflose Auseinandersetzung mit der ihm nicht heimatlichen Welt. Die überforderte Mutter steht regelmäßig vor einem Nervenkollaps. Sie muss sich für das Fehlverhalten ihres Sohnes permanent entschuldigen und bricht in unbeobachteten Momenten oft zusammensackend in Tränen aus. Der Vater, sich langsam der Ernsthaftigkeit der Lage bewusst werdend, verspricht reumütig mehr Zeit für seinen Sohn aufzubringen.

Als Ki-itchi zusammen mit seinen Eltern ein verwaistes Kätzlein findet, das hilflos auf der Straße liegt, zeigt sich wieder einmal, wie gefühlsarm und unbeholfen Ki-itchi sich mit anderen Lebewesen auseinandersetzt. Er weiß nicht, was er mit diesem kleinen, lebendigen Ding anfangen soll, kann sich nicht in es hineinversetzen und entwickelt deshalb auch keine Gefühle für die Katze. Stattdessen behandelt er das ausgesetzte Tier wie ein lebloses Objekt. Der Manga versteht es wirklich gut, das ambige, rätselhafte Verhalten von Ki-itchi auf Bilder zu bannen. Auch mit wenig Strichen gelingt es dem Künstler, das Kind psychologisierend zu charaktersieren. Allein durch seine scheinbar keinem Kalkül entspringenden Handlungen, seine starre, auf Distanz Acht gebende Haltung und sein versteinertes, unbewegliches Mienenspiel entsteht auf den Seiten ein lebendiges und authentisches Porträt eines Kindes, das einfach anders ist.

Gerade als sich das Familienleben durch ein intensiveres Miteinander scheinbar ein Stück weit harmonisiert, passiert völlig überraschend etwas, das die Geschichte radikal auf den Kopf stellt und sie in eine neue, nicht vorhersehbare Richtung lenkt. Die Dimension des Ereignisses ist derart weittragend, dass sich schließlich auch Ki-itchi seinen Gefühlen stellen muss, die dann schließlich wie nach einem Dammbruch keinerlei Maß kennen.

Obdachlosigkeit und Gesellschaftskritik

Nachdem sich die Geschichte im ersten Band auf die Familie von Ki-itchi konzentrierte, verlässt sie im Zweiten situationsbedingt den familiären, mikrokosmischen Rahmen und greift weiter aus – den dreijährigen Jungen ständig als Dreh- und Angelpunkt fixierend, um den sich dann schließlich Personen scharen, die eine völlig neue japanische Gesellschaftsschicht abdecken – die der Obdachlosen. In den Großstädten (besonders Osaka und Tokyo) Japans nahm in der Vergangenheit durch Wirtschaftskrisen die Zahl derer besorgniserregend zu, die ohne Dach über dem Kopf unter freiem Himmel leben. Zum Beispiel in Parks unter Plastikplanen. Obdachlosigkeit ist in dem Land genauso ein großes Problem wie anderswo auch. Doch noch immer haftet solchen vom Schicksal nicht begünstigten Menschen ein gesellschaftliches Stigma an. Lange Zeit galten in Japan Personen, die über kein Zuhause verfügen, als Außenseiter, die, so das unverzeihliche Vorurteil, selbstverschuldet in diese existentielle Krise geraten seien. Obdachlosigkeit ist gerade in einer leistungsorientierten Gesellschaft wie Japan, das Armut gerne ausblendet, ein Unding, ein Tabu, ja eine Schande.

Dazu bezieht der Manga ausführlich Stellung. Ja, er hält sich mit der Einfügung eines kleinen Essays am Ende des zweiten Buches über dieses wichtige Thema nicht zurück. Die Serie nimmt sich nicht selten sehr politisch und vor allem sehr sehr gesellschaftskritisch aus. Es prangert den Normalitätszwang eines konsensbejahenden Erziehungssystems an und verweist mit erhobenen Zeigefinger auf die Diskrepanz zwischen Arm und Reich in einer oft die gesellschaftlichen Probleme ausblendenden Industriegesellschaft wie Japan an. Man merkt dem Autor die Wut an den Ungerechtigkeiten und sozialen Unzulänglichkeiten dieser Welt an.

Fazit

Den Manga Ki-itchi gibt es als insgesamt neun Bände umfassende Serie. Nach der Lektüre der ersten beiden Bücher muss ich mich sehr positiv über diese Reihe äußern. Das schwierige Thema wird mit der nötigen Intelligenz und Kompetenz angefasst, hält sich mit einer ehrlichen Darstellung der Schieflagen nicht zurück und bindet die Kritik an einen kleinen, dreijährigen Jungen, dessen Reise den Leser nicht unberührt lassen dürfte. Ich bin sehr gespannt, inwieweit das durch die ersten beiden Bände hohe Niveau in den weiteren Büchern gehalten werden kann. Die Geschichte wurde jedenfalls zusehends komplexer und ambitionierter. Anders als z.B. „Welcome to the NHK“ nimmt sich Ki-itchi weniger mit einem humoristischen, Zweideutigkeiten nicht auslassenden Einschlag aus. Der Autor bedient sich seltener der Ironie und Karikatur und beleuchtet die ihn zur Kritik verleitenden Stellen mit Geradlinigkeit und Direktheit. Der ernste Erzählstil wird jedoch das eine oder andere mal durch manga-typische Überreaktionen der Protagonisten auflockernd aufgebrochen. Ingesamt handelt es sich für mich bei Ki-itchi um einen sehr lehrreichen, fesselnden Manga, den ich Japaninteressierten ohne Vorbehalte empfehlen kann. Nur steht am Ende eher das weinende als das lachende Auge im Vordergrund.