Sep 152013
 

Am Dienstag kommt das lang erwartete GTA V auf den Markt. Das Erscheinen des ersten Teils liegt inzwischen schon 16 Jahre zurück. Jeder Ableger der Reihe – spätestens seit GTA III – pulverisierte alte Rekorde und setzte neue Bestmarken vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Gerhard berichtete schon darüber, dass der fünfte Teil hinsichtlich des Kostenaufwands anscheinend die Schallmauer von 200 Mio. Dollar weit übertroffen hat. Klar, die Marke Grand Theft Auto ist wahrscheinlich das Videospiel, das den Vergleichen mit der Hollywood-Industrie noch am ehesten gerecht wird. Doch immerhin schaffte Rockstar Games bisher mit Bravour den schwierigen Spagat zwischen Kommerz und Qualität und überhaupt wird die sorgsame Pflege der Marke weit behutsamer und intelligenter gehandhabt als beispielsweise bei vergleichbaren Goldgruben wie z.B. Call of Duty.

Wir wollen im Folgenden jetzt nicht einfach in den Chor des vor allem digitalen Blätterwaldes einstimmen, und die Vorfreude auf den Release-Tag weiter übergebührlich anstacheln. Vielmehr wollen wir einige Aspekte des Spieles beleuchten, die sich am ehesten aus der Trias Kommerzialisierung, Marketing und Videospiel-Journalismus zusammensetzen.

Dass es sich bei GTA V um das teuerste Spiel aller Zeiten handelt bedeutet im Umkehrschluss natürlich auch, dass das Geld um ein Vielfaches wieder zurückfließen soll. Dass das wahrscheinlich gelingen wird, selbst wenn das Spiel die hohen Erwartungen nicht erfüllen kann – wovon ich eher nicht ausgehe -, dürfte eigentlich schon feststehen. Dass mit dem Erscheinen eines GTA natürlich auch gewinnschöpferische Hoffnungen auf Seiten des Publishers verbunden sind, wurde deutlich, als sich bei der Bekanntmachung, GTA V würde sich in Entwicklung befinden, der Aktienwert von Take-Two Interactive um sieben Prozentpunkte verbesserte. Mit einem Spiel wie Grand Theft Auto hat man eben auch alle Trümpfe in der Hand.

Auswirkungen auf den Videospiel-Journalismus

Dass es sich bei GTA V um ein Millionengeschäft handelt, ist die natürliche Konsequenz einer nach kapitalistischen und kommerziellen Gesichtspunkten arbeitenden Unterhaltungsindustrie. Manche mögen das bedenklich finden, andere freuen sich darüber, dass das Medium neben anderen etablierten Kulturindustrien inzwischen ein festes Standbein im Unterhaltungsmarkt darstellt. Doch leider macht diese Entwicklung nicht Halt vor einem Bereich, der eigentlich für Unabhängigkeit und Objektivität stehen sollte: Die Presse.

Eigentlich wiederholt sich das Spiel immer dann, wenn ein von einem großen Publisher distribuierter Blockbuster auf den Markt kommt. Review-Embargos sind längst etabliert und stellen ein perfides Instrument dar, die Maschinerie der Presse künstlich dirigistisch stillzuhalten, um eventuelle negative Kritik fernzuhalten. Die Meinungsmache im Vorfeld wird von den Publishern bei großen Titeln genauestens choreographiert und rhythmisiert. Man will nichts dem Zufall überlassen. Es geht um Millionen. Da wird natürlich versucht, alle Eventualitäten beiseite zu räumen.

Das fängt schon bei den Previews an: Oft werden Journalisten zum Entwickler vor Ort eingeladen, und dürfen unter strengster Beobachtung ausgewählte, extra präparierte Spiel-Inhalte austesten. Dass daraus weniger aufschlussreiche Vorschauen resultieren dürfte klar sein. Doch diese „Freiheitsberaubung“ der Presse, deren eigentliche Aufgabe es ja ist, möglichst objektiv, unvoreingenommen und sachlich zu berichten, spitzt sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in hohem Maße zu.

GTA V ist da, wie zu erwarten, keine Ausnahme: das Spiel erscheint am 17. September. Nicht alle Spiele-Magazine wurden anscheinend pünktlich mit Testmustern versorgt. Wer weiß, welche Exklusiv-Deals Rockstar Games sonst noch mit anderen Presse-Organen aushandelte. Die Konsequenz: Magazine wie z.B. 4players.de machen die Leser schon vorab darauf aufmerksam, dass die Review sich bis in den Oktober hinein verzögert. Stattdessen soll der Testbericht bis dahin in portionierten Happen serviert werden. Wenn man schon nicht pünktlich sein kann, will man zumindest irgendwas zu bieten haben. In unserem zeitgenössischen Wertungsfetischismus zählen leider Zahlen und Geschwindigkeit. Beides lässt sich mit einer fundierten Berichterstattung nicht immer in Einklang bringen.

Und da wären noch die so genannten Exklusiv-Deals. Diese Abmachungen machen beide Seiten glücklich. Der Publisher kann die Meinungsmache gezielt lenken, dem Inhaltelieferanten dagegen ist durch das Angebot von exklusiven Inhalten die Aufmerksamkeit natürlich gesichert. Eine Win-Win-Situation. Wer dagegen verliert, ist der Kunde. Wie so oft. Welche Ausmaße das annehmen kann, zeigt ganz anschaulich der aktuelle Fall von GTA V und IGN.com. Der Hintergrund: IGN veranstalte vom 3. bis zum 7. September eine GTA V gewidmete Woche, beginnend mit einem „World’s First Grand Theft Auto Hands-On“. Später in einem Interview mit Rockstar Games hat Luke Reilly von IGN laut Play4Real folgendes Statement abgegeben:

People who think this game is going to get less than a 10 have no souls. I don’t understand why people think there have to be flaws in a video game. Can’t they just accept that a game is perfect? It’s not our job to talk about problems and issues with video games. What do they think IGN is paid to do?

Auf die nachbohrende Frage von Play4Real an Rockstar Games, warum gerade IGN für den Exklusiv-Deal auserwählt wurde, kam vom Rockstar PR-Manager Philip Doust eine erschreckend aufrichtige Antwort:

They’re better at PR than our in-house staff. Why let some professional critic handle our game when we can have some people at IGN do it? They’re much cheaper and people listen to them because they are unbiased. I mean they have to be because they call themselves video game journalists.

Einfach Wahnsinn. Videospiele-Journalisten werden zu Erfüllungsgehilfen einer mit allen Wassern gewaschenen PR-Industrie, die zuverlässig auf Bestellung interessen- und lobbygeleitete Meinungsmache betreiben. Das wird auch noch offen ausgesprochen. Völlig normal also. Das ist taktisch auch genial gemacht: Wenn man den Wahnsinn offen ausspricht, ihn gleichmütig und unaufgeregt präsentiert, so als ob es sich um die normalste Sache der Welt handelt, wird der Wahnsinn langsam aber sicher Normalität und Gewohnheit.

Die Videospiel-Presse stellt also, überspitzt formuliert, die kostengünstigere PR-Agentur dar. Und warum auch nicht? Warum soll der aktuelle Trend der Abkehr vom kritischen Qualitätsjournalismus nicht auch vor dem sowieso schon angeschlagenen, und schlecht beleumundeten Videospiel-Journalismus auch Halt machen? Dieser Trend macht sich allgemein bemerkbar, ohne dass sich in der Öffentlichkeit viel Widerstand regt. In einer Ausgabe der ZEIT vor wenigen Wochen gab es einen umfangreichen Artikel über das Zeitungssterben eines Lokalblattes. Die porträtierten, von Arbeitslosigkeit betroffenen Journalisten und Redakteure der geschlossenen Zeitung, die mit ihrem Ableben in der Region den Meinungspluralismus endgültig besiegelt, wurden von der ZEIT danach begleitet. Eine kam z.B. im Social Media-Bereich unter. PR also. Die andere arbeitete von nun an im PR-Bereich einer Firma. Journalismus und PR verträgt sich rein definitorisch nicht. Nur mit ersterem lässt sich eben leider kein Geld mehr verdienen. Infolge der Krise werden haufenweise Stellen gestrichen, und Groß“verlage“ wie Axel Springer sehen das Gewinnpotential längst nicht mehr im Qualitätsjournalismus.

Von Unternehmen lancierte Artikel sind natürlich alles andere als objektiv und unvoreingenommen. In Magazinen nehmen sich Anzeigen schon wie normale redaktionelle Artikel aus. Nur oben in der Ecke sieht der Leser die Aufschrift „Reklame“. Die verdeckte Infiltration von PR-Inhalten ist sicherlich ein ernst zu nehmendes Problem, das auch im Videospiel-Journalismus sicherlich virulent ist.

Journalismus geht mit sorgfältiger Recherche und einer kritischen Aufarbeitung dessen vonstatten, was herausgefunden wurde. PR-Arbeit setzt hingegen einen (oft finanzstarken) Auftraggeber voraus, der natürlich Eigeninteressen verfolgt, und diese verwirklicht sehen möchte.

Es ist eben das Diktat des Zum-Erfolg-Verdammt-Seins. Millionen werden investiert, mehrere Jahre Entwicklungszeit. Deswegen werden alle Mittel ausgeschöpft, um den Erfolg sicherzustellen.

Doch warum wehrt sich die Presse nicht gegen restriktive, die Meinungsfreiheit einschränkende Embargos? Es ist scheinbar völlig normal geworden, dass sich die Journalisten den Vorgaben der Publisher beugen.

Am Montag soll das Review-Embargo übrigens gelüftet werden. Dann sehen wir weiter.

UPDATE: Leider kann der Autor nicht zwischen Satire und Realität unterscheiden. Vielleicht weil die Realität teilweise schon Züge annimmt, die jede Satire vor Neid erblassen lässt. Jedenfalls handelt es sich bei der zitierten Quelle „Play4Real“ um eine Satire-Website. Demnach sind die hier angeführten Zitate frei erfunden. IGN wird von jeglicher Schuld freigesprochen und von uns rehabilitert. Entschuldigt bitte diesen (peinlichen) Fehler.