Dez 202013
 

GameStop

Eigentlich mag ich Videospiele sehr gerne. Eigentlich. Doch die Grenze zwischen Mögen und Nicht-Mögen ist exakt zu kartographieren. Nämlich vor und hinter dem Ausgang/Eingang eines GameStop-Ladens. Ich spreche lieber von einem Ausgang. Einfach weil ich beim Hinausgehen das bessere Gefühl habe. Das Gefühl, eine mir fremde Welt endlich verlassen zu können. Dabei bin ich doch mit Videospielen aufgewachsen. Eigentlich sollte ich dann doch Orte gutheißen, wo sie verkauft werden. Mich dort wohlfühlen. Gerne stöbern. Doch es wird mir unmöglich gemacht, mich an diesem mir unsympathischen Ort gerne aufzuhalten. Es ist ein paradoxes Phänomen.

Zunächst besteht das Problem darin, dass jeder GameStop-Laden identisch aussieht. Vielleicht ist das mittlerweile anders. Aber ich hasse Deja-Vu Erlebnisse. Es fühlt sich wie Stagnation an. Schon allein deswegen hasse ich Ikea-Läden. Klar, man weiß sofort, wo was ist. Man weiß, wo lang es geht, geht zielstrebig zu seinem Bestimmungsort. Aber die Bequemlichkeit und das hohe Maß an Komfort tausche ich lieber sofort ohne zu überlegen gegen Persönlichkeit und Individualität ein.

Ich trete in einen GameStop-Laden, und habe das Gefühl, einem Klon gegenüberzutreten.

Doch das ist nur ein Problem von mehreren. Zunächst ist es natürlich diese Musik. Das ist ein rein subjektives Urteil. Ich gehe schon keine Kleider mehr kaufen, bzw. halte mich in diesen widerlichen Läden nicht länger als zehn Minuten auf, einfach weil ich diese musikalische Dauerberieselung krank macht. Lieber pfeife ich im Supermarkt fröhlich die REWE-Erkennungsmelodie nach, oder schlimmer, ich pfeife die Lieder bei einem 08/15-Radiosender mit, als mich diesem Lärm auszusetzen. Es ist wie unter Wasser: ich halte die Luft an, versuche dort schnell mein Geschäft zu erledigen, und tauche so schnell wie möglich wieder auf. Bei GameStop fühle ich mich ähnlich. Das ist nicht nur die Musik. Sondern das ganze Ambiente.

So ein Laden ist ein Abladeplatz für Ramsch. Ich trete ein, vor mir gleich die Regale mit Gebrauchtspielen. Das ist ja nicht schlimm. Ich kaufe gerne günstig ein. Wer macht das nicht. Aber ich werde eben auch sofort an den rapiden Wertzerfall dieser Pusteblumen-Ware erinnert, die ziemlich lieblos meiner harren und die sofort darauf aufmerksam machen, dass es sich um Wegwerf-Artikel handelt. Ich stöbere durch die Spiele. Sehne mich sofort nach einem schönen Plattenladen, in dem ich die Platten mit den Fingern grazil durchblättere. Das hat Stil. Das Stöbern in Videospiel-Läden ist dagegen die reinste Erinnerung an Kommerz.

Ich halte durch. Und durchstöbere das Archiv an Gebrauchtspielen weiter. Neben mir eine Frau an der Kasse, die dem Verkäufer eine Frage stellt. Dieser nimmt sein Schlüsselbund aus seiner Tasche, geht zu der Vitrine hinter den Verkaufstresen und schließt diese auf. Ramsch und Luxus brüderlich nebeneinande vereint, denke ich. Vor mir zum Verramschen angebotene Gebrauchtspiele, etwas weiter vorne ein Verkäufer, der plötzlich eine Vitrine feierlich aufschließt. Und was macht er? Was macht er? Er holt das neue „Call of Duty“ für die PS4 heraus.

Eigentlich mag ich Videospiele. Doch wenn ich in Läden wie GameStop bin, beginne ich, sie allgemein in Frage zu stellen. Ich denke: das ist nicht meine Welt und eigentlich möchte ich nicht viel damit zu tun haben. Es gefällt mir, wenn in schönen, liebevoll dekorierten, Persönlichkeit atmenden Läden der Warencharakter von Kommerzprodukten kaschiert wird. Videospiel-Läden feiern den Ramsch-, Wegwerf- und Kommerzcharakter von Spielen. Sie versuchen nicht, die traurige Realität vergessen zu machen, worum es sich bei Spielen eigentlich handelt: Geld verdienen.

Ganz traurig werde ich, wenn ich ein Spiel bei GameStop entdecke, das mir besonders viel bedeutet. Eigentlich müsste ich es sofort kaufen, um es einem besseren Heim zu überantworten. Nur dafür bräuchte ich Geld. Und eine größere Portion Wahnsinn. Stattdessen wische ich eine Träne weg, und suche den Ausgang.

Genauso schlimm finde ich es auch bei Saturn. Bei Media Markt. Und wie diese ganzen Läden heißen. Eigentlich sollte man nur noch online kaufen, oder gar nichts mehr.

Es gibt tolle Bücherläden. Es gibt tolle Musikläden. Den letzten tollen Videospiel-Laden, den ich kannte, existierte vor mehr als zehn Jahren. Er musste schließen. Es hat sich nicht gelohnt. Scheiße.