Dez 262010
 

Wenn David Lynch eine im interaktiven Medium festzuhaltende Vision vorschweben würde, sie würde sich in den Konturen von Deadly Premonition materialisieren. Mysteriös. Unergründbar. Schräg.

Bei Deadly Premonition scheiden sich die Geister. Das hat sich auch in den eklatanten Wertungsdiskrepanzen niedergeschlagen, deren Begleiterscheinungen veritable Absurditäten waren. IGN gab dem Spiel eine kellerasselige Wertung von 2 Punkten. Destructoid folgte mit traumverdächtigen, skandalösen 10/10 und IGN UK komplettierte das Chaos mit einem diplomatischen, lauwarmen Zwischending von 7.5 von 10 Punkten. Selten herrschte größere Wertungskonfusion. Mit einer längeren Verspätung ist der Verwirrung stiftende Paradiesvogel seit November auch hierzulande konsumierbar.

Deadly Premonition wurde schon als der schönste Totalausfall aller Zeiten klassifiziert. Neben dem melancholischen Nier avancierte es zum ultimativen Kult-Spiel des Jahres. Gamgea-Redakteure haben naturgemäß eine Schwäche für die schwärzesten aller schwarzen Schafe. Zum Glück sind sie aufgrund ihres auffälligen Aussehens in der einheitlich uniformierten Herde einigermaßen schnell bemerkbar. Steckte hinter der berühmten Destructoid-Wertung, die, nebenbei erwähnt, selbst auf der Verpackung abgebildet ist, ein Körnchen Wahrheit oder nur populistisch, sensationsjournalistisch hochgekochtes Leitungswasser? Gamga fühlt sich als publizistisches Organ der Videospiel-Aufklärung dazu verpflichtet, selbst ein gewichtiges Expertenurteil auszusprechen.

Unser Fazit: Deadly Premonition ist ein Ausbund an Skurrilität. Das Spiel zwingt die Rezensenten zu einer Aufgabe der traditionellen Wertungsphilosophie. Sowohl fuchsteufelwildgewordene Verrisse als auch überschwängliche Lobeshymnen sind hier hellauf berechtigt. Grapisch ist das Spiel mit beiden Beinen noch in der als überwunden geglaubten PS2-Zeitrechnung. Die Kampfhandlungen, welche leider viel zu oft die inhaltliche Hauptrolle zu übernehmen versuchen, sind an nervtötender Impertinenz nicht zu überbieten. Und zu allem Überfluss müssen wir bedingt durch den Open World-Ansatz in langweiliger Bummelfahrt-Manier minutenlang durch hässliche, texturen- und detailarm hingeklatschte Antipostkartenlandschaften fahren. Alle Kritik ist berechtigt. Doch es kommt eben auf den Tester an, ob diese augenfälligen, brandzumarkenden Defizite in seiner subjektiven Auffassung das Gesamterlebnis überrumpeln. Denn davon abgesehen ist Deadly Premonition der kultige B-Movie schlechthin. Herrlich verschrobene Charaktere. Bizarre Dialoge. Eine übersinnlich-verzwickte Geschichte. Und ein Hauptprotagonist, der einen Oscar für die beste darstellerische Leistung des Jahres einkassieren müsste. Das Spiel offeriert euch eines, wenn nicht das interessanteste interaktive Erlebnis des Jahres!

7/10 – Gut (Eine 7 steht für solide Spiele, die definitiv ihre Freunde finden werden. Lässt Wiederspielwert vermissen, ist zu kurz oder weist andere Mängel auf, die nicht ignoriert werden können. Die Erfahrung bereitet aber ingesamt Spaß.)

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